Interkulturelle Kompetenz in der Pflege und Medizin
Kulturelle Vielfalt ist in Kliniken längst Alltag
Ein Gespräch mit Walter Heinrich, Leiter des AMEOS Instituts Süd, über interkulturelle Kompetenz, Integration internationaler Fachkräfte und die Zukunft der Pflegeausbildung.
In unserer Interviewreihe „Interkulturell im Gespräch“ beleuchten wir, wie kulturelle Vielfalt unseren Berufsalltag prägt – diesmal im Gesundheitswesen.
Anna Weidlich spricht mit Walter Heinrich, Leiter des AMEOS Instituts Süd in Neuburg an der Donau, nach dem interkulturellen Training bei AMEOS über die Chancen und Herausforderungen interkultureller Zusammenarbeit in Pflege und Medizin.
Im Gespräch wird deutlich: Die Pflegebranche steht exemplarisch für den Wandel hin zu international zusammengesetzten Teams. Wie gelingt Integration in einem Umfeld, das von sprachlicher Vielfalt, unterschiedlichen Rollenverständnissen und sensiblen Situationen geprägt ist? Und welche Rolle spielt interkulturelle Kompetenz in der Ausbildung der Fachkräfte von morgen?

Erkenntnisse im Überblick
✔ Pflege und Medizin sind heute stark von kultureller Vielfalt und internationalen Teams geprägt.
✔ Unterschiedliche Sprachkenntnisse, Rollenverständnisse und Pflegebilder stellen Kliniken vor neue Herausforderungen.
✔ Gleichzeitig eröffnet Vielfalt Chancen für bessere Patientenkommunikation und interkulturelles Verständnis.
✔ Erfolgreiche Integration und Ausbildung erfordern gezielte Begleitung, interkulturelle Kompetenz und passende Schulungskonzepte.
Lesezeit: 5 Minuten
Internationale Teams prägen den Pflegealltag
Wie erleben Sie aktuell die kulturelle Vielfalt in der Pflegebranche?
Walter Heinrich: Die kulturelle Vielfalt nimmt in der Pflege seit Jahren deutlich zu. In den AMEOS Kliniken arbeiten inzwischen Mitarbeitende aus über 40 verschiedenen Nationen, allein in der Pflegeschule, dem AMEOS Institut, sind es regelmäßig 13 bis 14 Herkunftsländer. Besonders stark wächst die Diversität im pflegerischen und ärztlichen Bereich, während sie in der Verwaltung und im therapeutischen Dienst bislang weniger ausgeprägt ist.
Vor 20 bis 30 Jahren kamen internationale Kolleginnen und Kollegen vor allem aus osteuropäischen Ländern – heute ist das Team international aufgestellt, mit Fachkräften aus fast allen Kontinenten.

Inwiefern hat sich die Zusammensetzung von Pflegeteams in den letzten Jahren verändert?
Walter Heinrich: Die Teams sind deutlich vielfältiger geworden. Früher kamen viele Pflegekräfte aus Osteuropa, inzwischen finden sich im Team Fachkräfte aus Deutschland, den Philippinen, Indonesien, afrikanischen Ländern und der Ukraine. Neben den unterschiedlichen Nationalitäten bringen die Mitarbeitenden auch verschiedene religiöse Hintergründe mit. Das kann in einzelnen Bereichen zu praktischen Herausforderungen führen – etwa bei
Kleidungsvorschriften oder Hygienevorgaben.
Diese Vielfalt bringt auch neue Themen in den Arbeitsalltag: etwa unterschiedliche Auffassungen zu Kleidung oder Hygienevorschriften. So ist es für manche Mitarbeitende ungewohnt, die Unterarme unbedeckt zu tragen, was in Kliniken aus hygienischen Gründen vorgeschrieben ist. Solche Themen betreffen aber letztlich alle – ähnlich wie der Umgang mit Schmuck oder bestimmten Kleidungsstücken. Hier braucht es klare Richtlinien, aber auch gegenseitiges Verständnis und respektvollen Umgang.
Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in dieser Entwicklung?
Walter Heinrich: Die kulturelle Vielfalt bietet große Chancen: Viele Patientinnen und Patienten in den AMEOS Kliniken kommen selbst aus verschiedenen Ländern, und durch das mehrsprachige Personal lassen sich Kommunikationsbarrieren oft leichter überwinden. Auch das Verständnis für unterschiedliche Verhaltensweisen oder kulturelle Hintergründe wächst, wenn das Team offen für Austausch ist – was allerdings nicht immer
selbstverständlich ist.
Herausfordernd bleibt vor allem das Thema Sprache. Viele internationale Pflegekräfte oder Auszubildende beginnen mit unzureichenden Deutschkenntnissen. Inzwischen achten wir stärker darauf, dass mindestens das Sprachniveau B2 erreicht wird, bevor jemand in den Beruf einsteigt. Zudem unterscheiden sich Aufgaben und Rollenbilder der Pflege weltweit: In vielen Ländern übernehmen Angehörige Grundpflegeaufgaben wie
Körperpflege oder Essensversorgung, während Pflegekräfte stärker medizinisch tätig sind und sind dem Arzt oder der Ärztin direkt unterstellt – beispielsweise legen Sie eigenständig Infusionen und Zugänge. In Deutschland hingegen umfasst Pflege auch einen hohen Anteil an Grundpflege. Diese Unterschiede führen häufig zu
Anpassungsschwierigkeiten, wenn Fachkräfte mit anderem Berufsverständnis hier starten.

Erfolgreiche Integration internationaler Fachkräfte beginnt mit guter Vorbereitung
Was empfehlen Sie Kliniken, die mit der Integration internationaler Fachkräfte starten möchten?
Walter Heinrich: Kliniken sollten von Anfang an Zeit und Ressourcen in die Integration investieren. Besonders wenn Mitarbeitende direkt aus dem Ausland angeworben werden, ist eine gute Vorbereitung entscheidend – sowohl sprachlich als auch kulturell.
Wichtig ist, den neuen Kolleginnen und Kollegen in den ersten Wochen eine strukturierte Begleitung zu bieten: Schulungen zu Sprache, Kultur und zum deutschen Pflegeverständnis, bevor sie fest auf den Stationen eingesetzt werden. Leider wird diese Zeit im Klinikalltag oft nicht eingeplant, obwohl sie langfristig entscheidend für eine erfolgreiche Integration wäre.

Pflegeausbildung im Wandel: Interkulturelle Kompetenz wird unverzichtbar
Welche Rolle spielt interkulturelle Kompetenz derzeit in der Pflegeausbildung?
Walter Heinrich: Eine sehr große. In vielen Klassen stammen inzwischen 30 bis 60 Prozent der Auszubildenden aus anderen Ländern. Die sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen sind dabei sehr unterschiedlich – darauf
muss die Ausbildung stärker eingehen. Im Lehrplan ist interkulturelle Pflege zwar bereits verankert, doch die
Umsetzung hängt stark von den einzelnen Schulen ab. Fortbildungen für Lehrkräfte wären hier sehr hilfreich – insbesondere, um mit verschiedenen Sprachniveaus im Unterricht umzugehen und Über- oder Unterforderung zu
vermeiden.

Zudem braucht es mehr Wissen über kulturelle Hintergründe: Wie geht man mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen um? Wie reagiert jemand auf Kritik oder in der Begrüßungssituation? Solche Themen helfen,
Missverständnisse zu vermeiden und den Unterricht wie auch die praktische Ausbildung interkulturell sensibel zu gestalten. Hier wären mehr Fortbildungsangebote für Lehrkräfte in Pflegeinstituten bspw. gefördert vom Ministerium hilfreich – zum Beispiel zum Umgang mit unterschiedlichen Sprachniveaus oder zu didaktischen Methoden, die heterogene Gruppen besser abholen.
Interkulturelle Trainings für Pflege & Ausbildung
Interkulturelle Kompetenz entsteht nicht allein durch Erfahrung, sondern durch gezielte Reflexion, Austausch und praxisnahe Weiterbildung. InterKult Training unterstützt Kliniken, Pflegeschulen und Bildungseinrichtungen mit maßgeschneiderten interkulturellen Workshops – unter anderem auch für Lehrkräfte in der Pflegeausbildung.
So durften wir bereits für das AMEOS Institut ein erfolgreiches Training durchführen, das Lehrkräfte dabei unterstützt hat, mit heterogenen Klassen, unterschiedlichen Sprachniveaus und kulturell geprägten Kommunikationsstilen sicher und souverän umzugehen.
Unsere Trainings verbinden Praxisnähe mit interkulturellem Fachwissen und stärken Zusammenarbeit, Verständnis und Handlungssicherheit im Ausbildungs- und Klinikalltag.
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Anna Weidlich
Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperation (M.A.)
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Interkulturelle Seminare und Coaching

Anna Weidlich
Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperation (M.A.)
Anna Weidlich, Gründerin von Interkult Training, ist eine erfahrene Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperation mit internationalen Wurzeln in Russland, Korea und Deutschland. Mit mehrsprachiger Kompetenz und umfangreichen Auslandserfahrungen unterstützt sie Unternehmen in der internationalen Zusammenarbeit. Ihr fundiertes Fachwissen erlangte sie durch ein dreijähriges Masterstudium an der Hochschule München.


