Der ‚German Stare‘ – wenn Blickkontakt kulturelle Missverständnisse auslöst

Im Interview mit Anna Weidlich, Inhaberin von InterKult Training

Alltägliche Situationen können im interkulturellen Kontext schnell zu Irritationen führen – oft ohne, dass sich die Beteiligten dessen bewusst sind. Ein Blick, eine Geste oder ein scheinbar neutrales Verhalten reicht manchmal aus, um Unsicherheit oder Unbehagen auszulösen.

In unserer Rubrik „Interkulturell im Gespräch“ greifen wir solche Phänomene auf und ordnen sie aus interkultureller Perspektive ein. Im Fokus stehen dabei nicht Bewertungen, sondern das Verstehen unterschiedlicher kultureller Deutungsmuster. Im folgenden Interview geht es um den sogenannten „German Stare“ – ein international diskutiertes Alltagsphänomen, das zeigt, wie unterschiedlich Blickkontakt kulturell interpretiert wird.

Anna Weidlich, interkulturelle Trainerin und Inhaberin von InterKult Training, erläutert im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung, warum es sich dabei weniger um Unhöflichkeit als vielmehr um ein klassisches interkulturelles Missverständnis handelt.

Blickkontakt und kulturelle Missverständnisse
Blickkontakt kann kulturell sehr unterschiedlich interpretiert werden

Erkenntnisse im Überblick

✔ Der sogenannte „German Stare“ ist kein bewusstes Starren, sondern ein kulturell unterschiedlich bewerteter Blickkontakt.
✔ Augenkontakt zählt weltweit zu den stärksten nonverbalen Signalen – seine Bedeutung variiert jedoch stark.
✔ Irritationen entstehen nicht durch böse Absicht, sondern durch unterschiedliche kulturelle Deutungsmuster.
✔ Verstehen und emotionale Gewöhnung sind zwei verschiedene interkulturelle Lernprozesse.

Lesezeit: 4 Minuten

Der „German Stare“ aus interkultureller Sicht: Wenn Blickkontakt unterschiedlich gedeutet wird

In der U-Bahn, im Wartezimmer oder an der Supermarktkasse: Viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, berichten von einem Gefühl, das sie zunächst nicht einordnen können – sie fühlen sich beobachtet.
Was für Deutsche meist völlig selbstverständlich ist, sorgt bei Menschen aus anderen Kulturen häufig für Irritation. International wird dieses Phänomen inzwischen als „German Stare“ bezeichnet.

Doch was steckt wirklich dahinter? Handelt es sich um Unhöflichkeit – oder um ein interkulturelles Missverständnis?
Im Rahmen eines Interviews mit der Stuttgarter Zeitung ordnet Anna Weidlich, interkulturelle Trainerin und Inhaberin von InterKult-Training.de, das Phänomen aus fachlicher Perspektive ein.

International ist vom „German Stare“ die Rede. Was ist aus interkultureller Sicht damit gemeint?

Anna Weidlich: Aus interkultureller Perspektive handelt es sich um ein sehr spannendes Alltagsphänomen, bei dem weniger das tatsächliche Verhalten als vielmehr unterschiedliche kulturelle Deutungen von Blickkontakt eine Rolle spielen. Dabei geht es nicht um bewusstes Starren, sondern um die Frage, was ein Blick in unterschiedlichen Kulturen bedeutet.

In Deutschland wird direkter Blickkontakt häufig als neutral, aufmerksam oder selbstverständlich wahrgenommen. In anderen kulturellen Kontexten kann genau derselbe Blick jedoch als unangenehm, wertend oder grenzüberschreitend interpretiert werden.

Blickkontakt

In welchen Ländern wird Augenkontakt generell als unhöflich gesehen?

Anna Weidlich: Längerer Augenkontakt wird vor allem dort als unangenehm empfunden, wo Kommunikation stärker auf Zurückhaltung, indirekte Verständigung und Beziehungsharmonie ausgerichtet ist.
Aus dieser Perspektive kann ein Blick, der in Deutschland als neutral gilt, in anderen Kontexten als Grenzüberschreitung verstanden werden – nicht, weil er objektiv unhöflich wäre, sondern weil er andere kommunikative Erwartungen verletzt.

Dazu zählen unter anderem Teile Ostasiens, etwa Japan, Korea oder China, aber auch verschiedene afrikanische Kulturen sowie Teile des arabischen Raums. Besonders gegenüber Älteren, Vorgesetzten oder Autoritätspersonen kann direkter Blickkontakt dort als respektlos oder konfrontativ gelten.

In welchen Ländern gilt längerer Augenkontakt, wie er in Deutschland üblich ist, als unhöflich?

Anna Weidlich: In Kulturen, die stark auf soziale Harmonie und indirekte Kommunikation ausgerichtet sind, wird längerer Augenkontakt häufig als unangenehm empfunden.
Dazu zählen viele kollektivistisch geprägte Gesellschaften, insbesondere in Ostasien.

Der in Deutschland vergleichsweise direkte und wenig ritualisierte Blickkontakt kann dort als zu intensiv, wertend oder sogar übergriffig interpretiert werden – auch wenn keinerlei negative Absicht dahintersteht.

Wie Kulturen Aufmerksamkeit und Respekt unterschiedlich ausdrücken

Wie zollt man in diesen Kulturen stattdessen Respekt?

Anna Weidlich: Respekt wird häufig durch Zurückhaltung gezeigt: durch kürzeren Blickkontakt, leichtes Wegschauen, eine gesenkte Kopfhaltung oder eine insgesamt indirektere Körpersprache.
In vielen Kulturen bedeutet Respekt nicht, jemanden direkt anzusehen, sondern gerade nicht in den persönlichen Raum einzudringen.

Gibt es dort äquivalente Verhaltensweisen zum „German Stare“?

Anna Weidlich: Jede Kultur hat eigene Formen entwickelt, Aufmerksamkeit, Interesse oder Respekt zu signalisieren. Diese Signale sind jedoch nicht universell verständlich, sondern nur innerhalb eines bestimmten kulturellen Erwartungssystems sinnvoll interpretierbar.

Was in einer Kultur als höflich und aufmerksam gilt, kann in einer anderen irritierend oder missverständlich wirken – genau darin liegt das interkulturelle Lernfeld.

Wenn Blicke emotional wirken: Wahrnehmung, Gewöhnung und kulturelle Deutung

Warum empfinden viele Zugewanderte den deutschen Blick als so auffällig?

Anna Weidlich: Weil Blickkontakt sehr unmittelbar wirkt und kaum „abgefedert“ werden kann. Menschen interpretieren Blicke emotional – oft schneller als Worte.

Wenn jemand aus einer Kultur kommt, in der längerer Augenkontakt unüblich ist, kann der deutsche Blick leicht als Bewertung, Kontrolle oder Ablehnung empfunden werden, obwohl er in den meisten Fällen völlig neutral gemeint ist.

Längerer Blickkontakt
Längerer Augenkontakt

Wie gehen Menschen aus diesen Kulturen damit um?

Anna Weidlich: Viele versuchen zunächst, das Verhalten individuell zu erklären – etwa als persönliche Ablehnung oder Kritik. Erst mit zunehmender interkultureller Erfahrung wird deutlich, dass es sich um unterschiedliche kommunikative Konventionen handelt.

Dieser Perspektivwechsel ist ein zentraler Bestandteil interkultureller Lernprozesse.

Wie gehen Menschen aus diesen Kulturen damit um?

Anna Weidlich: Das ist individuell unterschiedlich. Aus interkulturellen Trainings wissen wir jedoch, dass es meist mehrere Monate dauert, bis sich eine emotionale Gewöhnung einstellt.
Interkulturelle Forschung zeigt, dass Verstehen und emotionale Anpassung zwei unterschiedliche Prozesse sind: Während das rationale Verständnis relativ schnell entstehen kann, braucht die emotionale Gewöhnung deutlich länger.

Sind Deutsche die einzigen, die so „starren“?

Anna Weidlich: Was als „Starren“ wahrgenommen wird, ist kein objektives Verhalten, sondern eine Zuschreibung aus der Perspektive des Gegenübers.

Dasselbe Blickverhalten kann je nach kulturellem Kontext völlig unterschiedlich interpretiert werden.

Fazit aus interkultureller Perspektive

Der „German Stare“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Alltagsverhalten kulturell fehlinterpretiert werden kann.
Nicht das Verhalten selbst ist das Problem, sondern die unterschiedlichen Bedeutungen, die ihm zugeschrieben werden.

Interkulturelle Sensibilisierung hilft, solche Missverständnisse einzuordnen – im Alltag, im Studium und im Berufsleben.

Lesen Sie den ganzen Artikel der Stuttgarter Zeitung. 👉 Hier geht es zum Beitrag

Interkulturelle Sensibilisierung mit InterKult Training

Missverständnisse entstehen oft nicht durch Worte, sondern durch Blicke, Gesten und unausgesprochene Erwartungen.
In unseren interkulturellen Sensibilisierungstrainings machen wir genau diese Unterschiede sichtbar: Wie nonverbale Kommunikation kulturell geprägt ist, wie Alltagsverhalten unterschiedlich gedeutet wird – und wie daraus Irritationen entstehen können.

Mit praxisnahen Beispielen, Reflexion und Hintergrundwissen unterstützen wir Teams, Führungskräfte und Organisationen dabei, interkulturelle Missverständnisse zu erkennen, einzuordnen und konstruktiv damit umzugehen – im Arbeitsalltag ebenso wie im gesellschaftlichen Miteinander.

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Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperation (M.A.)

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Autorin Anna Weidlich Interkulturelle Kommunikation

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Anna Weidlich, Gründerin von Interkult Training, ist eine erfahrene Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperation mit internationalen Wurzeln in Russland, Korea und Deutschland. Mit mehrsprachiger Kompetenz und umfangreichen Auslandserfahrungen unterstützt sie Unternehmen in der internationalen Zusammenarbeit. Ihr fundiertes Fachwissen erlangte sie durch ein dreijähriges Masterstudium an der Hochschule München.